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martin

Peter Turrini über das malerische Werk von Dominique Doujenis

Was meinen theatralischen Kopf ein Leben lang beschäftigt, ist das Verhältnis zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, zwischen Vorfindung und Erfindung. Neigte ich früher dazu, der Natur der Dinge und Menschen den Vorzug über die Ausdenkung zu geben, so fühle ich mich zunehmend der Willkür des Phantasierens verpflichtet. Wenn eine Geschichte ihren Anker in der Wirklichkeit hat, erlaube ich mir mehr und mehr den freien Flug der Ausdenkung.

Ich sah in Dominique Doujenis Bildern ein sehr gelungenes Verhältnis zwischen Vorfindung und Erfindung. Die Vorfindung, die Natur, kam mir in einer Gestalt entgegen, die ich besonders gern habe: als Wasser, als Licht, als Sonne, als Sand. Ich habe mehr als ein Jahr in Griechenland gelebt und bin, ein dem Süden Verfallener. Dominique Doujenis hat ihre biografischen Wurzeln in Griechenland, sie hat diese archaischen Elemente der Natur buchstäblich vorgefunden, aber was hat sie aus ihnen gemacht? Sie hat sie, immer von der Wirklichkeit vor ihren Augen und unter ihren Füßen ausgehend, in Strömungen, in ein scheinbar leichtes Spiel verwandelt; sie hat die Elemente durcheinandergewirbelt, ihre Schwerkraft aufgehoben, sie hat der Natur eine neue, eine andere Erscheinung gegeben.

Wenn man das Wesen der Natur verläßt, mit ihm zu spielen beginnt, geschieht etwas unbestimmbares, irritierendes. Gibt sich der Frauenkörper auf den Bildern lustvoll und selbstvergessen den Bewegungen, den Strömungen des Wassers hin, oder ist sie ein Ausdruck der Zerrissenheit, von Qual?

Wer sich mehr und mehr von der Vorfindung in die Erfindung wagt, gerät in aufregende Möglichkeiten: was uns trägt, zerbricht. Was uns bindet, zerreißt. Was uns schweben läßt, kann uns in die Tiefe ziehen.

Es ist ein interessantes Paradoxon der Kunst, daß eine Malerin wie Dominique Doujenis, die es sehr weit mit ihren Phantasien, mit der Verwandlung treibt, dann doch wieder in unser aller Wirklichkeit landet. Das setzt Mut und Können voraus und zieht meinen großen künstlerischen Respekt nach sich.

Palais Palffy
September 2003

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